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Nachdem sich jeweils Elemente aus dem Elektro-Punk, Minimal-Elektro, Industrial und New-Wave/Avantgarde in einer neuen Form manifestiert hatten (wie auch schon in Kapitel II beschrieben), schufen Bands wie Front 242 eine Musik, die schon bald darauf als EBM = Electronic-Body-Music durch Europa geisterte. Wenn wir EBM als zentrales Element nehmen, um die folgende Entwicklung zu betrachten, kommen als weitere Einflüsse in Betracht: als wichtigstes die House-Musik, die Mitte der 80er-Jahre nach Europa kam und Rock- bzw. Metaleinflüsse. Andere Querverbindungen z.B. zum Pop, Funk, Acid, Independent gab es sicherlich immer, hatten aber keine gravierenden Auswirkungen oder bleibende Veränderung hinterlassen. Um nur einige Beispiele zu nennen: The Shamen, Pankow, The Neon Judgement, Weathermen).

Anders als beispielsweise die Klänge der E-Gitarre, die aus den Bereichen Rock und Metal kam, um sich fest zu etablieren. Man kann ebenso einen erneuten Einbruch von Industrial-Musik, wiederum aus den USA vermerken, der gleich zu einer Reihe neuer Stilrichtungen führte: Industrial-Metal/-Rock, Elektro-Industrial, Crossover und evt. noch Hardcore und Grunge. Hier lassen sich u.a. folgende Beispiele nennen: Pouppee Fabrikk, Rammstein, Oomph!, A Split Second, Ministry, KMFDM, Nine Inch Nails, Die Krupps, Revolting Cocks.

Die House-Musik schließlich mit ihren elektronischen Spielarten kam ab Ende der 80er ins Spiel und beeinflusste bzw. formte Stile wie Goa, Trance, Techno (und evt. Breakbeat). Ihr Einfluss war nachhaltiger, intensiver und konsequenter, da artverwandt.

Neuausrichtung

Gerade letzteres war sicherlich ein Grund dafür, dass die ursprüngliche EBM an Format verlor; einige sagen sogar, EBM wäre zu der Zeit (es ist mittlerweile Mitte der 90er Jahre) schon gestorben. Die unglaubliche Vielfalt an neuen Einflüssen und Stilen, die Möglichkeit "Genre-übergreifend" Musik zu hören (=Crossover), ließ viele alte angestammte Hörer in andere Lager wechseln.

EBM hatte in dieser Phase einfach nur die Vorreiterrolle verloren, keine durchschlagenden Erfolge zu vermelden oder einfach nur zuviel Konkurrenz auf dem Markt, um weiterhin prägend zu bleiben. Zum Dekadenwechsel 80er-90er waren einfach zu viele gute Bands damit beschäftigt, ihren eigenen Weg zu finden/gehen, Einflüsse aufzunehmen und Neues auszuprobieren. Die Vielfalt ist unbestreitbar groß zu der Zeit, teilweise werden die bewährten EBM-Strukturen erfolgreich verteidigt, teilweise neue und interessante Blickweisen geschaffen: Bigod 20, Pouppee Fabrikk, Vomito Negro, Paranoid, Armageddon Dildos, Orange Sector, Aircrash Bureau, Electro Assassin, Scapa Flow, DRP, Force Dimension, Insekt, The Klinik, Typis Belgis, And One, Click Click. Namentlich ging es in erster Line auch um den neuen "Elektro-Wave", der die alten Muster der elektronischen Musik mit den typischen Elementen der New-Wave-Musik verband: Invincible Spirit, Second Voice, Project Pitchfork, The Eternal Afflict, Second Decay.

Einige sprechen hier auch von der "zweiten Generation", nachdem einerseits gerade Vorreiter wie Front 242 oder Nitzer Ebb in gitarrenlastige Gefilde abgedriftet sind, andererseits die Technowelle sowohl neue Konkurrenzen als auch neue (und wichtige) Impulse lieferte. Hier wäre der sogenannte Synth-Pop zu nennen, der Ende der 70er entstand, als man dazu kam, die ersten elektronischen Instrumente einzuführen. Auf Grund der noch hohen Kostenlage dieser Geräte, wurden primär neue Stilelemente geschaffen, bevor man daran gehen konnte, klassische Instrumente zu ersetzen. In diesem Bereich hatte Kraftwerk den größten Einfluss ausgeübt. Erst als Anfang der 80er die Technikpreise weiter sanken, hatte der Synth-Pop seine beste Zeit und brachte unter anderem hervor: Depeche Mode, OMD, Soft Cell, New Order, Ultravox, Visage, Eurythmics, Camouflage.

Aus dieser Synth-Pop-/ oder auch Elektro-Pop-Welle heraus kamen unter anderem durch Einsatz des nun verbreiteten Computer(-Sequenzers) und der hinzu gekommenen Techno(-House)-Welle wiederum neue Ausrichtungen, die den alten Stil verdrängten. Techno-Trance oder Future-Pop war mittlerweile aus der Welt der Charts nicht mehr wegzudenken.

Aktuell

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre begegnete man immer häufiger dem Begriff "Elektro" oder "Electro" (-> nur manchmal wird hier regional etwas differenziert, fürs Thema beschränke ich mich hier auf einen der Begriffe). Ob nun: Dark-Elektro, Elektro-Industrial, Harsh-Elektro, Elektro-Dance, Aggrotech, oder Hardcore-Elektro: für vielerlei Varianten lassen sich nun (Sub-)Genres finden, die den ursprünglichen EBM mit der Vielfalt der neuen, oben genannten Einflüsse erfolgreich kombiniert: Industrial, (Dark-)Wave, House sind hier die wichtigsten. Zum Jahrtausendwechsel spricht man auch vom "EBM der dritten Generation". Viele Bands aus dieser Zeit sind langfristig erfolgreich und bestimmen teilweise auch heute noch das aktuelle Musikangebot: Suicide Commando, Decoded Feedback, Controlled Fusion, Velvet Acid Christ, Funker Vogt, E-craft, Feindflug, Wumpscut, Frontline Assembly, YelworC, Leaetherstrip, Second Disease, Noise Unit, Kode IV, Painbastard, Re-Work, Evils Toy, Abscess, Mentallo & the Fixer, Ice Ages, Combichrist, Amduscia, Hocico, Tactical Sect.

Stilistisch werden vermehrt schnellere und härtere Arrangements produziert, verzerrte Stimmen und Instrumente bilden genretypische Elemente, der weit fortgeschrittene Preisverfall der Geräte lässt dem einzelnen Musiker vielfältige Möglichkeiten offen. Die House-Musik setzte den Trend, die vielfach komplizierten Rhythmus-Muster zu ersetzen durch einfache und schnelle aber tanzbare 4/4-Takte. Vermehrt düstere Atmosphären und sehr dichte Songkonstruktionen bringen eine neue Härte hervor, die sich bis heute erfolgreich verkaufen lässt.

Es gab durchaus auch Versuche, den alten Stil (ab jetzt ist "old-school" gemeint) neu aufleben zu lassen: Sturm Cafe, Proceed, Void Kampf, Ionic Vision, Dupont, Spetsnaz, C.A.P. sind einige dieser Vertreter. In wie weit sich dieser Trend halten oder sogar ausbauen kann, muss abgewartet werden - fest steht zumindest, dass es viele glühende Verehrer gibt, die dieses Material förmlich "aufsaugen", als hätte es eine lange Durststrecke gegeben ?

Ein anderes Thema beschäftigt die Szene aber dennoch seit geraumer Zeit: gibt es EBM überhaupt noch? Oder gibt es einen Nachfolger? Genauso wenig wie es ein definitives Ende der EBM Mitte der 90er gab, gibt es einen direkten Strang in den heutigen Stilen, die eine direkte Zuordnung zu den Ursprüngen und konsequente Fortführung bis heute erkennen ließe. Die Entwicklung des letzten Vierteljahrhunderts (immerhin !!) war einfach zu vielfältig, gewaltig und nachhaltig, als dass man es sich so einfach machen könnte. Selbst die oben angesprochene Welle des "old-school" hat es alleine schon durch die immensen technischen Fortschritte/Unterschiede schwer, als Nachfolger gesehen zu werden, mal ganz abgesehen vom bis jetzt nicht durchschlagenden Erfolg. Ebenso der berüchtigte "Future-Pop": von manchen als Segen empfangen, die elektronische Musik für sich zu entdecken, gilt er vor allem für die langjährigen Hörer der EBM als ungeliebte Mode-Erscheinung. Future-Pop ist seit Ende der 90er durch Verschmelzung von Trance-Elementen, Elektro und Synth-Pop zu einer eigenständigen Form gekommen, die von einigen durchaus als Nachfolger der EBM gesehen wird. Zu nennen sind hier im wesentlichen: VNV Nation, Covenant, Apoptygma Berzerk, evt. noch And One.

Insgesamt betrachtet, ergibt sich folgendes Bild: die ursprüngliche Electronic Body Music, wie sie von Front 242 etc geschaffen wurde, existiert wenn überhaupt nur noch vereinzelt im Portfolio einiger Bands. Die musikalische Entwicklung hat durch viele kompetente Einflüsse aber auch durch rasante technische Fortschritte keineswegs gelitten. Sie hat den Stamm sicherlich verwaschen aber auch viele neue Triebe geschaffen, die, trotz der komplizierten und recht unübersichtlichen Gesamtlage, nicht weniger erfolgreich sind. Es wurden viele Inspirationen übernommen, es wurden ebenso Inspirationen gegeben - EBM ist schlicht und ergreifend vor allem eines: weiter gewachsen!

Und wenn wir es noch etwa komplizierter machen wollen - so allmählich kommt auch eine gewisse Generationsfrage ins Spiel: Ich zähle mich zwar nicht zu den Pionieren dieser Musik, verfolge den Spaß aber schon seit 1988 . . .angefangen mit Front 242 - Never Stop! Der Begriff "EBM" ist mir persönlich also ins Blut übergegangen, inklusive der Spaltung Mitte der 90er, was denn nun daraus werden würde. Die Jüngeren oder später dazu gekommenen unter uns Hörern sind eventuell erst gar nicht so intensiv mit diesem Begriff in Berührung gekommen, wohl eher mit "(Ur)-Techno", "Elektro" und Konsorten. Nunmehr knapp 30 Jahre Musikgeschichte sind eben nicht so einfach in nur drei Buchstaben zu pressen . . .


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